Ailton: Der Landmensch als Fußballprofi - weil Mama es so wollte
"Das Leben in richtig großen Städten mag ich nicht", sagt Ailton Goncalves da Silva, als er über die Metropolen seiner Heimat Brasilien spricht. "Da hast du furchtbar viel Trubel, Verkehr und Lärm. Außerdem gibt es dort jede Menge Kriminelle. In Rio de Janeiro oder Sao Paulo kann es immer vorkommen, dass dir jemand über den Weg läuft, der dir eine Pistole an den Kopf hält und dir alles wegnimmt, was du bei dir hast. Deshalb ziehe ich ländliche Gegenden vor, in denen man in Ruhe mit der Familie leben kann."
Das kann unter diesen Umständen nicht sonderlich verwundern, zumal der 27-jährige Angreifer des SV Werder mit seinen vier Brüdern und drei Schwestern auf dem Land aufgewachsen ist. Sein Heimatdorf Mogeiro, wo sein Vater eine Ranch besitzt, liegt im Bundesstaat Pernambuco im Nordosten Brasiliens, etwa zwei Autostunden von Recife entfernt. "Als ich klein war", erzählt der Torjäger, den sie in Bremen "Toni" nennen, "gab es für mich dort nur Fußball und meine zwei Pferde. Meine Brüder und ich sind noch heute Pferdenarren." Die Liebe zu seinen Tieren ging so weit, dass er das erste lukrative Angebot eines Fußballvereins aus Sao Paulo ablehnte, "weil ich meine Pferde so sehr vermisst hätte. Schließlich hat mich meine Mutter überzeugen können, dass es besser ist, Mogeiro zu verlassen und woanders Fußball zu spielen." Mamas Rat folgend fand Ailton schließlich über die Stationen Santa Cruz, FC Guarani und das mexikanische Monterrey, wo er seine Frau Rosalie kennenlernte, im Oktober 1998 nach Bremen. Der Wechsel an die Weser brachte für "Toni" einige Probleme. "Es gab im Wesentlichen drei Dinge", so der Sürmer, "die mir hier anfangs zu schaffen machten: Die Kälte, die komplizierte Sprache und Felix Magath. Das geht jetzt aber nicht gegen seine Person, sondern hat nur mit meiner damaligen Situation zu tun. Man muss sich da einfach einmal hineinversetzen. Du kommst in ein fremdes Land, verstehst kein Wort, frierst dir sonstwas ab und kommst dann noch nicht einmal zum Einsatz. Da kannst du als Fußballspieler lieber sterben." Gottlob hat sich ein weniger gravierender Ausweg aus dieser schwierigen Lage gefunden, denn bei der Integration konnte er auf Unterstützung zählen: "Ich habe mir anfangs oft von brasilianischen Spielern Rat geholt, die in der Bremer Umgebung in der dritten, vierten und fünften Liga spielten. Außerdem sprachen Christian Brand und Rade Bogdanovic ein wenig Spanisch, so dass ich mich innerhalb der Mannschaft verständigen konnte." Inzwischen hat sich der Wirbelwind aus Südamerika in Bremen bestens eingelebt, und auch den Freunden und Verwandten, die ihn hier besucht haben, gefällt die Stadt sehr gut. "Die wollten am liebsten hier bleiben", verkündet der stolze Vater einer Tochter mit einem breiten Grinsen. "Im Ernst, die meisten haben mir gesagt: Ailton, das ist eine super Stadt für dich. Du kommst mit den Menschen gut aus und fühlst dich wohl. Hier solltest du bleiben!" Eher selten ist es derzeit allerdings, dass Ailton seine Freunde oder Familienangehörigen persönlich zu Gesicht bekommt. Meistens hält er den Kontakt per Telefon, da nur wenige von ihnen einen Internetanschluss besitzen. Wenn "Toni" jedoch einmal die Zeit hat, nach Hause zu fliegen, genießt er jede Minute dort. "Wir sitzen oft einfach nur zusammen, grillen und trinken etwas dazu, während meine Freunden mir erzählen, was so passiert. Dann wollen sie natürlich wissen, was es in Bremen Neues gibt", schildert der Linksfüßer und fügt schmunzelnd hinzu, dass es in seinem Dorf fast jeden Tag eine Fiesta gebe. Dort werde dann ausgiebig getanzt, in erster Linie der "Forro". "Das ist ein typisch nordbrasilianischer Tanz, der eine gewisse Ähnlichkeit mit Salsa hat, aber trotzdem ganz anders ist", versucht sich "Toni" an einer Beschreibung. Doch wie der normale Mitteleuropäer aus leidvoller Erfahrung weiß, ist es ohnehin wichtiger, einen Tanz in der Praxis denn theoretisch zu beherrschen. Ailton lässt keinen Zweifel daran, dass er auch damit keinerlei Probleme hat. "Ich bin ein großer Tänzer", behauptet er lachend, bevor er betont ernst im Brustton der Überzeugung hinterherschiebt, dass er den "Forro" wirklich gut beherrsche. Auch vom Fußball versteht er jede Menge, davon haben sich die Fans des SV Werder in den vergangenen zweieinhalb Jahren überzeugen können. Und deshalb möchte der flinke Stürmer, dessen Vorbild Romario ist, dem Sport auch nach seiner aktiven Karriere noch eine Zeit lang verbunden bleiben. "Ich könnte mir vorstellen, als Manager zu arbeiten, oder vielleicht als Talentscout. Denn zu Hause in Brasilien gibt es schließlich mehr als genug gute Nachwuchsspieler, die entdeckt werden wollen." Mit seiner Familie wird Ailton Goncalves da Silva spätestens danach wieder eine Ranch in einer ruhigen Gegend seines Heimatlandes bewohnen. "Mir haben kleine Dörfer schon immer gefallen, weil man dort entspannt leben kann", sieht er keinen Grund, seine Wurzeln zu verleugnen. "Ich bin nun einmal einfach ein Landmensch."
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