Pizarro - Bayerns lächelnde Kobra
(Porträt vonGazetta24 vom 29.November 2001)


Von: HEINZ WILHELM BERTRAM

Aber selbstverständlich doch. Ein Tor soll's sein? Wenn's weiter nichts ist. Auf welche Art denn? Mit rechts, mit links? Oder mit dem Kopf. Ich bitte Sie: Kein Problem. No problema. So begann Claudio Pizarro seinen neuen Job als Tormaschine des FC Bayern.

Woher auch? Claudio Pizarro konnte - zumindest bis zum Spiel gegen den Club beim 0:0 - machen, was er wollte. Das Ding war immer drin. Pünktlich, wie auf Bestellung. "Trainer, stellen Sie mich auf", hat er Chef-Coach Hitzfeld lustig befohlen, "ich mache Ihnen die Tore!".

Acht Mal hat er bereits getroffen, einer der besten Torjäger der Liga. Und wie: Drei Mal mit rechts, zwei Mal mit links, drei Mal mit dem Köpfchen. Ein Freistoß war auch dabei. Ein Strich von einem Schuss aus 22 Metern in die Torwartecke des armen Hamburgers Pieckenhagen. Womm!

Aua, das tut weh. Und wirft eine Frage auf: Welche Stürmer, bitte schön, schießt in der Bundesliga schon Freistoß-Tore? Das ist schließlich immer die Domäne der Mittelfeldspieler.

Macht also insgesamt acht schöne Törchen, und das ist, ällebätsch, eins mehr, als Kollege und Konkurrent Giovane Elber bislang erzielen konnte. "Wir zwei wollen sehen, wer von uns beim FC Bayern der bessere Torjäger ist. Das ist doch nicht schlecht, davon profitiert schließlich auch der FC Bayern", sagt Claudio, der Pizza-Service der Bayern - und zwinkert. Dann knipst er. Gnadenlos.

Pizarro - Bayerns schelmische Kobra. Doch meist vergeht dem Gegner der Humor.

Gegen den 1.FC Nürnberg, vergangene Woche im Süd-Derby, hätten es gleich noch zwei Volltreffer mehr sein müssen: Den Elfer verschoß er ungewohnt unkonzentriert, dann stand noch der Club-Pfosten im Wege.

Macht nix, das Goalgetter-Leben geht immer weiter. Und nix wie rein ins nächste Strafraum-Getümmel.

"Der braucht ungefähr drei Minuten, dann gehört er zu jeder Mannschaft", sagte über Pizarro der ehemalige Mitspieler Marco Bode bei Werder Bremen. Eine Aussage, hinter der sich weit mehr verbirgt, deutet sie doch auf das enorme Spielverständnis Claudios hin, mit dem er jetzt auch in München begeistert.

Der besitzt in der Tat eine untrügliche Witterung für den entscheidenden Moment, zuzubeißen. Pizarros Positionswechsel können noch so unscheinbar, irgendwie schläfrig und beiläufig wirken; sie sind jedoch stets bestechend zielgerichtet.

"Das ist einer wie es war", lobt Bayerns Alt-Bomber Gerd Müller.

Unverwüstlich und ungestüm, robust und unerschrocken: In diesem Stil rackert Pizarro sein Pensum herunter. Mal rechts, mal links, dann rechts und links die Arme hoch: Mister Gnadenlos hat mal wieder hingelangt.

Die Kobra beißt zu.

"Wie weit er mit seinen 23 Jahren doch schon ist - beeindruckend", staunt Vize-Präsident Karl-Heinz Rummenigge. Schon frohlockt Uli Hoeneß: "Der haut sich bis zur letzten Sekunde rein. Das ist einer der besten Einkäufe, die wir je beim FC Bayern gemacht haben."

Der Standardsatz des Managers darf natürlich nicht fehlen: "Claudio ist ein Schlawiner."

Sieht man's nicht? Schelmischer Blick aus den funkelnden Augen und Schalk im Nacken: Pizarro juckt das Fell. Ihn zwickt fast immer der Übermut. "Na, Jungs, wen braucht Ihr und was braucht Ihr?", fragt er hernach beim Schaulaufen in der Mixed Zone vor der Kabine.

Die schwarzblauen Haare glänzen mit den listigen Augen um die Wette. "Pizza, komm bitte auch noch zu uns!" rufen die Reporter hinter der Barriere. Pizza kommt immer. Und zwar ganz gewaltig.

Im Zweifelsfall auch mitten in der Nacht in die Münchner Nobeldiscos. P1, Maximilians, Pacha. Auch die gehören zu Pizarros Spielplätzen.

Abzappeln ist sein liebstes Hobby, nach dem Tore schießen, versteht sich. Aber: "Seitdem unser zweites Kind da ist, bin ich ruhiger geworden, bleibe jetzt viel öfter zu Hause." Brav, Pizza.

Ob das seine Ehefrau, die hübsche Karla, Studentin der Zahnmedizin, bestätigt?

Rückpaß in die Historie: Der ehemalige Schweinehirt Pizarro war es, unter dessen blutrünstiger Führung die Conquestadores aus Spanien einst die Inka unterjochten. Tatsächlich soll Claudio Pizarro ein Nachfahr aus der direkten Linie des Eroberers sein.

Sein Vater bestreitet sein Leben allerdings schon ein wenig kultivierter: Er besitzt einen Druckereibetrieb in Lima.

Mit 18 Jahren schloss sich der Straßen- und Hinterhof-Fußballer Claudio jr. Dem Klub Deportivo Pesquero Chimbote an. Mit mäßigem Resultat: 11 Tore in 42 Erstligaspielen. 1998 folgte der Wechsel zum peruanischen Spitzenklub Allianza Lima.

Dann kam ein Jahr Vorspielen bei Werder Bremen. "Claudio hat vor dem Tor jede Variante drauf und ist für sein Alter schon unheimlich schlitzohrig. Der ist gewiss nicht mehr lange bei uns", ahnte vergangene Saison Werder-Trainer Thomas Schaaf.

Welch ein Bundesliga-Einstand: Gleich auf satte 19 Treffer brachte es Mr. Gnadenlos.

Es waren Voraussetzungen für ein Einkaufsmuster, wie es die Bayern-Bosse lieben: Sollen sich Top-Neuzugänge doch erst mal bei einem Konkurrenzklub akklimatisieren und durchsetzen, dann zücken wir das Portemonnaie.

Der Peruaner wechselte für die festgeschriebene Summe von gut 16 Millionen Mark Ablöse nach München, wo er vorerst bis 2005 4,5 Millionen Mark im Jahr verdient.

Der schlaue Papa regelte die finanziellen Modalitäten; von dem auf sieben Millionen Mark Handgeld geschätzten Sümmchen kann er sich manches Faß Druckerschwärze kaufen.

Und sein Sohnemann ist ungemein gefräßig. Sagt: "Ich habe noch nichts gewonnen in meinem Leben. Die Bayern sind deshalb genau die richtige Adresse für mich. Wer hierhin geht, will schließlich Pokale hochheben."

Wie nun den Weltpokal in Tokio.

Eben. Und vieles spricht nach Lage der Dinge dafür, dass Claudio Pizarro am Saisonende noch dicke Arme von weiteren funkelnden Glitzerdingern bekommen könnte. Ob er oder Giovane Elber sich noch zusätzlich die legendäre Kanone für die meisten Tore holt, ist ein spannender Zusatzwettbewerb.

Für Claudio hat sich die Frage aber wahrscheinlich schon heute erübrigt.

Wie bitte, ein Tor darf's sein? Mit rechts, mit links, mit dem Kopf vielleicht?

Da wollen wir mal nicht lange fackeln. Wie gesagt, kein Problem. Bitte schön, da habt ihr's. Darf's vielleicht noch ein zweites sein?

Ein Lächeln. Die Kobra ist mal wieder satt. Jetzt macht sie Späßchen.